Dünndarmverdauliches Rohprotein beim Pferd – warum Qualität vor Quantität geht
Erstveröffentlichung: März 2025
Überarbeitet und aktualisiert: August 2026
In der Pferdefütterung ist der Rohproteingehalt eines Futters seit jeher ein wichtiger Kennwert. Doch wer sich intensiver mit der Versorgung seines Pferdes beschäftigt, stößt schnell auf einen Begriff, der wesentlich mehr Aussagekraft hat:
das dünndarmverdauliche Rohprotein (Abkürzung: pcvXP).
Was ist dünndarmverdauliches Rohprotein?
Der Rohproteingehalt eines Futtermittels beschreibt zunächst die Gesamtheit seiner stickstoffhaltigen Verbindungen. Er sagt jedoch noch nicht aus, welcher Anteil des enthaltenen Proteins dem Pferd tatsächlich für die Versorgung mit Aminosäuren zur Verfügung steht.
Hier kommt das dünndarmverdauliche Rohprotein (pcvXP) ins Spiel. Es beschreibt den Anteil des Rohproteins, der vor dem Dickdarm verdaut wird und dessen Aminosäuren dem Organismus zur Verfügung stehen können.
Das ist entscheidend, denn für die Versorgung des Pferdes mit essentiellen Aminosäuren ist insbesondere die Verdauung und Aufnahme im Dünndarm von Bedeutung. Dort werden Aminosäuren aufgenommen und können anschließend beispielsweise für den Aufbau und Erhalt von Körpergewebe, den Fellwechsel und zahlreiche Stoffwechselprozesse genutzt werden.
Protein, das nicht im Dünndarm verdaut wird, gelangt dagegen zumindest teilweise in den Dickdarm und kann dort durch Mikroorganismen umgesetzt werden. Die dabei entstehenden Stickstoffverbindungen stehen dem Pferd jedoch nicht in gleicher Weise für die körpereigene Proteinsynthese zur Verfügung.
Warum ist ausreichend dünndarmverdauliches Rohprotein so wichtig?
Ein Pferd braucht nicht einfach nur „Protein“, sondern vor allem hochwertiges Protein und eine bedarfsgerechte Versorgung mit essentiellen Aminosäuren.
Zu den besonders wichtigen Aminosäuren gehören unter anderem Lysin, Methionin und Threonin. Essentielle Aminosäuren kann der Pferdeorganismus nicht oder nur teilweise selbst herstellen und muss sie deshalb über das Futter aufnehmen.
Nur wenn diese Aminosäuren in ausreichender Menge zur Verfügung stehen, kann der Organismus körpereigenes Protein effizient aufbauen.
Eine unzureichende Versorgung kann sich deshalb unter anderem auf Muskelerhalt und Muskelaufbau, Wachstum, Fellwechsel und Regeneration auswirken.
Entscheidend ist dabei nicht nur die Gesamtmenge des aufgenommenen Proteins, sondern auch dessen Verdaulichkeit und Aminosäurenzusammensetzung.
Heu ist nicht gleich Heu: Wie sich der Gehalt je nach Schnittzeitpunkt verändert
Der pcvXP-Gehalt von Heu wird unter anderem vom Schnittzeitpunkt beeinflusst. Mit zunehmender Reife der Pflanzen steigt in der Regel der Anteil strukturgebender Bestandteile (Verholzung), während Rohproteingehalt und Proteinverdaulichkeit abnehmen können.
Früher geerntetes Heu weist deshalb häufig höhere Gehalte an Rohprotein und dünndarmverdaulichem Rohprotein auf als sehr spät geerntetes, stark strukturiertes Heu.
Wie groß die Unterschiede tatsächlich sind, hängt allerdings von zahlreichen Faktoren ab – beispielsweise Pflanzenbestand, Standort, Düngung, Witterung, Erntezeitpunkt und Konservierung.
Vom Aussehen des Heus allein lässt sich deshalb nicht zuverlässig auf seinen Proteingehalt oder seine Proteinqualität schließen.
Gerade wenn die Ration genau beurteilt werden soll, ist eine Heuanalyse wesentlich aussagekräftiger als allgemeine Annahmen über frühes oder spätes Heu.
Auch der reine Rohproteingehalt sollte dabei nicht isoliert betrachtet werden. Für die tatsächliche Proteinversorgung des Pferdes ist entscheidend, welcher Anteil des Proteins nutzbar ist und welche Aminosäuren mit der Gesamtration zur Verfügung gestellt werden.
Was sagt das dünndarmverdauliche Rohprotein über die Aminosäurenqualität aus?
Hier muss zwischen zwei Dingen unterschieden werden:
Proteinmenge bzw. Proteinverdaulichkeit und Proteinqualität sind nicht dasselbe.
Der pcvXP-Wert gibt Auskunft darüber, wie viel dünndarmverdauliches Rohprotein aus einem Futtermittel zur Verfügung steht. Er sagt jedoch nicht automatisch aus, ob die darin enthaltenen essentiellen Aminosäuren im optimalen Verhältnis oder ausreichend vorliegen.
Ein Futtermittel kann also durchaus einen hohen Gehalt an dünndarmverdaulichem Rohprotein besitzen und trotzdem hinsichtlich einzelner essentieller Aminosäuren weniger günstig zusammengesetzt sein.
Für die Proteinsynthese ist jedoch gerade die Versorgung mit den benötigten essentiellen Aminosäuren entscheidend. Fehlt eine benötigte Aminosäure, kann dies die Verwertung der übrigen Aminosäuren begrenzen.
Deshalb sollte bei der Beurteilung einer Ration nicht nur gefragt werden:
„Wie viel Protein bekommt mein Pferd?“
sondern auch:
„Welche Proteinquellen bekommt mein Pferd und welche Aminosäuren liefern diese?“
Besonders bei erhöhtem Bedarf – beispielsweise während Wachstum, Muskelaufbau oder intensiverer Beanspruchung – gewinnt die Qualität der eingesetzten Proteinquellen an Bedeutung.
Wie viel dünndarmverdauliches Rohprotein braucht ein Pferd?
Der Proteinbedarf eines Pferdes hängt von mehreren Faktoren ab. Dazu gehören insbesondere Körpergewicht, Alter, Arbeitsleistung und der physiologische Zustand des Pferdes.
Für ein ausgewachsenes Pferd mit 500 kg Körpergewicht im Erhaltungsbedarf empfiehlt die GfE (2014) eine tägliche Versorgung mit 315 g dünndarmverdaulichem Rohprotein (pcvXP).
Gleichzeitig gibt die GfE für ein Pferd dieser Gewichtsklasse im Erhaltungsbedarf folgende Mengen an praecaecal verdaulichen Aminosäuren an:
- 13 g Lysin pro Tag
- 9 g Methionin + Cystein pro Tag
- 16 g Threonin pro Tag
Der Bedarf verändert sich mit dem Körpergewicht. So werden beispielsweise für ein Pferd mit 400 kg Körpergewicht 270 g pcvXP pro Tag empfohlen, für ein 600-kg-Pferd sind es 365 g. Die Bedarfswerte lassen sich daher nicht einfach von einem „Durchschnittspferd“ auf jedes andere Pferd übertragen.
Bei Wachstum, Trächtigkeit und Laktation gelten wiederum eigene Bedarfswerte. Gerade bei wachsenden Pferden berücksichtigt die GfE sowohl das Alter als auch die zu erwartende adulte Körpermasse.
Gerade hier zeigt sich der Wert einer Heuanalyse: Erst wenn bekannt ist, wie viel dünndarmverdauliches Rohprotein das Grundfutter tatsächlich liefert, lässt sich beurteilen, ob und in welchem Umfang eine zusätzliche Protein- oder Aminosäurenquelle sinnvoll ist.
Steigt der Proteinbedarf mit zunehmender Arbeit stark an?
Arbeit erhöht zwar den Proteinumsatz, der zusätzliche Bedarf an dünndarmverdaulichem Rohprotein fällt bei ausgewachsenen Pferden jedoch vergleichsweise moderat aus. Die GfE geht davon aus, dass der pcvXP-Bedarf eines ausgewachsenen, arbeitenden Pferdes gegenüber dem Erhaltungsbedarf kaum mehr als etwa 10 % zunimmt. Bei einem weitgehend austrainierten Pferd kann der zusätzliche Bedarf für den Muskelaufbau sogar geringer ausfallen, da die Anpassung der Muskulatur an das Training bereits weitgehend erfolgt ist.
Das bedeutet gleichzeitig, dass sich der Proteinbedarf nicht einfach nach dem Schema „je mehr Arbeit, desto mehr Protein“ berechnen lässt. Auch für Muskelaufbau oder Regenerationsphasen lässt sich daraus kein pauschaler prozentualer Zuschlag ableiten. Entscheidend bleiben die individuelle Situation des Pferdes sowie eine ausreichende Versorgung mit hochwertigem Protein und essentiellen Aminosäuren.
Brauchen Robustrassen wirklich weniger Protein?
Ein häufiger Irrglaube ist, dass Haflinger, Fjordpferde, Isländer oder andere leichtfuttrige Pferde grundsätzlich besonders wenig Protein benötigen.
In der Praxis muss jedoch zwischen Energieversorgung und Proteinversorgung unterschieden werden.
Leichtfuttrige Pferde kommen häufig mit einer vergleichsweise energiearmen Ration gut zurecht und nehmen bei einer zu energiereichen Fütterung schnell an Gewicht zu. Daraus lässt sich aber nicht automatisch ableiten, dass auch die Versorgung mit hochwertigem Protein und essentiellen Aminosäuren beliebig reduziert werden kann.
Das kann in der Fütterung sogar zu einer besonderen Herausforderung werden:
Der Energiebedarf ist bereits gedeckt, während die Versorgung mit einzelnen Nährstoffen noch nicht optimal sein muss.
Wird die Futtermenge zur Gewichtskontrolle reduziert, sinkt gleichzeitig die aufgenommene Menge an Protein, Aminosäuren, Mineralstoffen und weiteren Nährstoffen.
Deshalb kommt es bei leichtfuttrigen Pferden besonders auf eine bedarfsgerechte Nährstoffdichte der Gesamtration an.
Statt einfach möglichst wenig zu füttern, sollte die Ration so gestaltet werden, dass der Energiebedarf nicht unnötig überschritten wird und gleichzeitig ausreichend hochwertiges Protein und essentielle Aminosäuren zur Verfügung stehen.
Geeignete Proteinquellen können – abhängig von der übrigen Ration – beispielsweise Luzerne, Presskuchen oder gezielt zusammengestellte Aminosäuren-Ergänzungen sein.
Mehr Eiweiß – mehr Hufrehe? Ein überholter Mythos
Der Gedanke, dass eine eiweißreiche Fütterung grundsätzlich Hufrehe auslöst, hält sich hartnäckig. Nach heutigem Wissensstand lässt sich Hufrehe jedoch nicht pauschal auf einen hohen Proteingehalt der Ration zurückführen.
Hufrehe kann unterschiedliche Ursachen und Auslöser haben. Eine große Bedeutung haben insbesondere insulinassoziierte Formen, beispielsweise im Zusammenhang mit einer Insulindysregulation. Daneben existieren unter anderem entzündungs- bzw. sepsisassoziierte sowie mechanisch bedingte Formen der Hufrehe.
Bei stoffwechselempfindlichen Pferden spielt daher insbesondere die Zusammensetzung der Gesamtration und die Aufnahme bestimmter Kohlenhydrate (z. B. Fruktan, Zucker, Stärke) eine wichtige Rolle.
Auch ein stoffwechselempfindliches Pferd benötigt Aminosäuren für den Erhalt und Aufbau körpereigenen Gewebes. Eine bedarfsgerechte Versorgung mit hochwertigem Protein bleibt deshalb Bestandteil einer ausgewogenen Ration.
Entscheidend ist die Auswahl geeigneter Futtermittel: Die Ration sollte zum Energie- und Nährstoffbedarf des einzelnen Pferdes passen.
Gerade bei leichtfuttrigen oder stoffwechselempfindlichen Pferden können deshalb Proteinquellen interessant sein, die eine gute Aminosäurenversorgung ermöglichen, ohne gleichzeitig unnötig große Energiemengen bereitzustellen.
Fazit
Dünndarmverdauliches Rohprotein ist ein wichtiger Baustein bei der Beurteilung der Proteinversorgung eines Pferdes. Der Rohproteingehalt allein sagt noch nicht ausreichend darüber aus, wie gut das enthaltene Protein vom Pferd genutzt werden kann.
Genauso wichtig ist jedoch die Qualität des Proteins – insbesondere die Versorgung mit essentiellen Aminosäuren.
Wer eine Pferderation beurteilen möchte, sollte deshalb nicht nur fragen, wie viel Protein ein Futtermittel enthält. Entscheidend ist vielmehr das Zusammenspiel aus Grundfutterqualität, Proteinverdaulichkeit, Aminosäurenzusammensetzung und individuellem Bedarf des Pferdes.
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