Mineralbar für Pferde - der Tod auf Raten!?
Mineralbars für Pferde werden immer beliebter. In sozialen Netzwerken finden sich unzählige Bilder von hübsch arrangierten Trögen mit bunten Steinen, Pulvern, Kräutern und Mineralien. Die Idee dahinter klingt zunächst überzeugend: Das Pferd soll selbst entscheiden können, welche Mineralstoffe und Spurenelemente es benötigt.
Doch funktioniert das wirklich? Können Pferde ihren Bedarf tatsächlich selbst regulieren oder birgt dieses Konzept Risiken, die häufig unterschätzt werden?

Was ist eine Mineralbar?
Eine Mineralbar ist nichts anderes als die freie Bereitstellung verschiedener Mineralstoffe, Spurenelemente und weiterer Futtermittelkomponenten. Das Pferd soll nach Bedarf auswählen können, was es aufnehmen möchte und was nicht.
Befürworter argumentieren, dass wildlebende Pferde gezielt mineralstoffreiche Erde, Salzvorkommen oder andere natürliche Quellen aufsuchen würden, um ihren Mineralstoffhaushalt auszugleichen. Statt dem Pferd ein Mineralfutter vorzusetzen, soll sein natürlicher Instinkt genutzt werden.
Der Begriff „Mineralbar“ ist dabei eigentlich irreführend. Denn anders als der Name vermuten lässt, handelt es sich nicht um eine kontrollierte Mineralstoffversorgung, sondern um die freie Bereitstellung verschiedenster Mineralstoffe, Spurenelemente und weiterer Futtermittelkomponenten ohne Kontrolle über die tatsächlich aufgenommenen Mengen.
Typische Bestandteile einer Mineralbar sind:
- Dolomit
- Salz
- Kupfersulfat
- Schwefel
- Seealgenmehl
- grüne, weiße oder rote Tonerde
- verschiedene Kräuter
Auf den ersten Blick wirkt dieses Konzept natürlich und artgerecht. Bei genauerer Betrachtung ergeben sich jedoch zahlreiche Probleme.
Das grundlegende Problem
Die Idee der Mineralbar basiert auf zwei Annahmen:
- Das Pferd erkennt zuverlässig, welche Nährstoffe ihm fehlen.
- Das Pferd nimmt anschließend genau die Menge auf, die zur Deckung des Bedarfs notwendig ist.
Für beide Annahmen gibt es bislang keine überzeugenden wissenschaftlichen Belege.
Tatsächlich werden Futteraufnahmen nicht nur durch einen möglichen Nährstoffbedarf gesteuert, sondern auch durch Geschmack, Gewohnheiten, Erfahrungen, Neugier, Gruppendynamik und viele weitere Faktoren beeinflusst.
Hinzu kommt, dass Mineralbars häufig in Gruppenhaltungen eingesetzt werden. Dominante Pferde können einzelne Komponenten bevorzugt nutzen oder rangniedrigere Pferde verdrängen. Die tatsächlich aufgenommene Menge wird dadurch noch schwerer einschätzbar.
Selbst wenn Pferde grundsätzlich über gewisse Mechanismen zur Regulierung einzelner Nährstoffe verfügen, bedeutet das nicht automatisch, dass sie komplexe Mineralstoff- und Spurenelementdefizite zuverlässig ausgleichen können.
Dolomit

Dolomit ist ein Karbonatgestein, das hauptsächlich aus Kalzium und Magnesium besteht.
Die Versorgung mit Kalzium und Magnesium ist bei den meisten Pferden bereits über das Grundfutter ausreichend gedeckt. Besonders Heu enthält in der Regel reichlich Kalzium. Ein zusätzlicher Bedarf entsteht meist nur in speziellen Situationen, beispielsweise bei sehr hohen Getreidemengen oder besonders früh geerntetem Heu.
Gerade Kalzium gehört daher nicht zu den Nährstoffen, die in der Pferdefütterung besonders häufig mangelhaft sind.
Salz

Salz beziehungsweise Natriumchlorid ist ein lebenswichtiger Mineralstoff. Es wird für zahlreiche Stoffwechselvorgänge benötigt und spielt eine wichtige Rolle bei der Regulation des Wasserhaushalts.
Ein Salzleckstein zur freien Verfügung hat sich in der Pferdefütterung bewährt und ermöglicht es vielen Pferden, ihren Natriumbedarf selbstständig auszugleichen.
Trotzdem sollte auch hier aufmerksam beobachtet werden. Übermäßiges Lecken kann auf Stoffwechselstörungen oder Fütterungsfehler hinweisen. Besonders bei Fohlen und Jungpferden besteht zudem die Gefahr einer Lecksucht.
Kupfer (Kupfersulfat)

Kupfersulfat ist das Kupfersalz der Schwefelsäure und wird häufig als Kupferquelle in Mineralbars angeboten.
Kupfer ist ein lebenswichtiges Spurenelement. Ein 500 kg schweres Pferd benötigt ungefähr 100 bis 110 mg Kupfer pro Tag.
Liegt tatsächlich ein Kupfermangel vor, kann eine gezielte Supplementierung sinnvoll sein. Ob ein solcher Mangel überhaupt besteht, lässt sich jedoch nur über die Analyse des Grundfutters zuverlässig beurteilen.
Problematisch wird es, wenn Kupfersulfat zur freien Verfügung angeboten wird.
Bereits geringe Mengen können ein Vielfaches des täglichen Bedarfs enthalten. Eine langfristige Überversorgung kann die Leber belasten und gleichzeitig die Verwertung anderer Spurenelemente – insbesondere von Zink – beeinträchtigen.
Die Toxizität von Kupfer sollte daher keinesfalls unterschätzt werden.
Neben den Risiken für das Pferd sollte auch der Umweltaspekt nicht außer Acht gelassen werden. Kupfersulfat ist wasserlöslich und wird in Mineralbars häufig ungeschützt im Außenbereich angeboten. Regen kann Kupferverbindungen auswaschen und in den Boden eintragen. Da Kupfer in höheren Konzentrationen giftig auf zahlreiche Bodenorganismen und Wasserlebewesen wirkt, ist auch dieser Aspekt kritisch zu betrachten.
Schwefel

Schwefel ist ein wichtiger Bestandteil vieler Aminosäuren und damit auch von Proteinen.
Bei einer ausreichenden Versorgung mit hochwertigem Protein wird der Schwefelbedarf des Pferdes normalerweise bereits über das Grundfutter gedeckt. Ein Schwefelmangel kommt in der Praxis nur äußerst selten vor.
Eine übermäßige Aufnahme kann dagegen Wechselwirkungen mit anderen Mineralstoffen und Spurenelementen verursachen.
Hinzu kommt, dass Kupfersulfat bereits Schwefel enthält. Die zusätzliche Bereitstellung von Schwefelbrocken oder MSM erscheint daher häufig wenig sinnvoll.
Seealgenmehl

Seealgenmehl wird meist aus der Braunalge Ascophyllum nodosum gewonnen. Es enthält zahlreiche Mineralstoffe und Spurenelemente und wird deshalb gerne als „natürliche Mineralstoffquelle“ beworben.
Richtig eingesetzt kann Seealgenmehl durchaus eine sinnvolle Ergänzung der Fütterung darstellen.
Das Problem liegt jedoch in der freien Verfügbarkeit.
Seealgen enthalten erhebliche Mengen Jod. Während ein gezielter Einsatz zur Deckung eines tatsächlichen Mangels sinnvoll sein kann, besteht bei unkontrollierter Aufnahme das Risiko einer Überversorgung.
Gerade Jod beeinflusst zahlreiche Stoffwechselvorgänge und kann bei dauerhafter Überversorgung die Schilddrüsenfunktion beeinträchtigen.
Tonerde

Grüne, weiße oder rote Tonerden werden seit langer Zeit eingesetzt und besitzen interessante Eigenschaften.
Insbesondere ihre hohe Adsorptionskapazität wird geschätzt. Dadurch können bestimmte Stoffe gebunden werden.
Genau hier liegt jedoch auch das Problem.
Tonerde unterscheidet nicht zwischen unerwünschten Stoffen und wertvollen Nährstoffen. Sie kann neben möglichen Schadstoffen auch Mineralstoffe und Spurenelemente binden.
Bei unkontrollierter Aufnahme können außerdem Verdauungsprobleme bis hin zu Verstopfungskoliken auftreten.
Kräuter

Kräuter gehören zu einer artgerechten Pferdefütterung und liefern zahlreiche sekundäre Pflanzenstoffe.
Sie sind jedoch nicht automatisch harmlos.
Viele Kräuter enthalten pharmakologisch wirksame Inhaltsstoffe und werden traditionell gezielt zur Unterstützung bestimmter Körperfunktionen eingesetzt. Werden sie dauerhaft oder in größeren Mengen aufgenommen, können unerwünschte Wirkungen auftreten.
Eine freie und unkontrollierte Aufnahme größerer Mengen entspricht daher nicht zwangsläufig dem eigentlichen Zweck einer Kräuterfütterung.
Was in den meisten Mineralbars fehlt
Besonders kritisch ist ein anderer Punkt:
Viele Bestandteile einer Mineralbar liefern Nährstoffe, die im Heu häufig ohnehin ausreichend vorhanden sind.
Die Mineralstoffe und Spurenelemente, die in mitteleuropäischen Heurationen tatsächlich häufiger knapp werden, fehlen dagegen oft ganz oder sind nur unzureichend vertreten.
Bei Heuanalysen zeigen sich häufig Defizite im Grundfutter bei:
- Selen
- Zink
- Kupfer
- teilweise Jod und Mangan
Gerade diese Spurenelemente spielen jedoch eine zentrale Rolle für Stoffwechsel, Immunsystem, Haut, Hufe, Muskulatur und Leistungsfähigkeit.
Eine Mineralbar vermittelt somit häufig den Eindruck einer bedarfsgerechten Versorgung, ohne die tatsächlich kritischen Nährstoffe zuverlässig abzudecken.
Ein Pferd kann nicht auswählen, was nicht vorhanden ist.
Selbst wenn Pferde tatsächlich in der Lage wären, ihren Mineralstoffbedarf zuverlässig zu erkennen, könnten sie nur aus den Komponenten wählen, die ihnen angeboten werden. Fehlen bestimmte Spurenelemente oder sind diese nur in unzureichender Menge vorhanden, bleibt das Defizit trotz Mineralbar bestehen.
Die Ergänzung weiterer Mineralstoffe und Spurenelemente würde das Grundproblem der Mineralbar nicht lösen.
Selbst wenn eine Mineralbar alle potenziell kritischen Mineralstoffe und Spurenelemente enthalten würde, wäre damit noch keine bedarfsgerechte Versorgung gewährleistet. Denn es gibt keine Garantie dafür, dass ein Pferd die tatsächlich fehlenden Nährstoffe überhaupt auswählt oder in ausreichender Menge aufnimmt. Ein Pferd mit Zinkmangel muss nicht zwangsläufig zinkhaltige Komponenten bevorzugen und ein Pferd mit Selenmangel wird diesen Mangel nicht automatisch durch eine höhere Aufnahme selenhaltiger Futtermittel ausgleichen. Die tatsächliche Aufnahme bleibt letztlich dem Zufall überlassen.
Das Wildpferd-Argument
Häufig wird argumentiert, dass wildlebende Pferde gezielt mineralstoffreiche Erde oder andere natürliche Mineralquellen aufsuchen würden.
Tatsächlich gibt es einzelne Beobachtungen, dass Wildpferde an bestimmten Stellen Erde aufnehmen. Warum sie dies tun, ist jedoch bis heute nicht eindeutig geklärt.
Selbst wenn solche Verhaltensweisen tatsächlich dem Ausgleich von Nährstoffdefiziten dienen sollten, lassen sie sich nur schwer auf unsere Hauspferde übertragen.
Wildlebende Pferde bewegen sich täglich über große Distanzen, nutzen riesige Lebensräume und haben Zugang zu einer enormen Vielfalt an Pflanzenarten.
Unsere Hauspferde leben dagegen meist auf begrenzten Flächen und erhalten Heu von wenigen Ernteflächen.
Hinzu kommt ein weiterer wichtiger Punkt:
Mineralstoffe liegen in Erde und Gestein häufig als schwer verwertbare Verbindungen vor. Pflanzen nehmen diese Stoffe auf und bauen sie in organische Strukturen ein. Dadurch stehen sie dem Pferd oftmals in deutlich besser nutzbarer Form zur Verfügung.
Wenn Pferde Mineralstoffe aufnehmen möchten, sind Pflanzen daher meist die deutlich effizientere Quelle.
Die Verwendung von Mineralbars ist unverantwortlich!
Die Vorstellung, dass Pferde ihren Mineralstoffhaushalt selbstständig regulieren können, ist zweifellos attraktiv. Sie vermittelt Sicherheit und passt hervorragend zum Wunsch nach einer möglichst natürlichen Pferdefütterung.
Bei genauer Betrachtung basiert das Konzept jedoch weitgehend auf Annahmen und Vermutungen.
Gleichzeitig werden Stoffe zur freien Verfügung gestellt, die bei unkontrollierter Aufnahme erhebliche Risiken bergen können.
Hinzu kommt, dass viele Mineralbars die tatsächlich kritischen Nährstoffe gar nicht oder in nicht ausreichender Menge enthalten.
Wer sein Pferd langfristig gesund und leistungsfähig erhalten möchte, sollte sich daher nicht auf Vermutungen oder Instinkte verlassen.
Der sinnvollere Weg besteht darin, den tatsächlichen Versorgungsstatus des Grundfutters mittels Heuanalyse zu bestimmen und gezielt nur jene Mineralstoffe und Spurenelemente zu ergänzen, die in der täglichen Ration tatsächlich fehlen.
Nur so lässt sich eine bedarfsgerechte Versorgung erreichen – ohne das Risiko von Mangelerscheinungen oder chronischen Überversorgungen.
Nicht die Frage, welches Mineralfutter gefüttert wird, sollte am Anfang stehen, sondern die Frage, welche Nährstoffe dem Pferd überhaupt fehlen. Die Antwort darauf liefert das Grundfutter.


