Blutanalyse oder Heuanalyse? Wie lässt sich die Mineralstoffversorgung eines Pferdes wirklich beurteilen?
Immer wieder werden bei Pferden angebliche Mineralstoff- oder Spurenelementmängel anhand einer Blutanalyse festgestellt. Nicht selten werden Blutuntersuchungen sogar mehrmals im Jahr durchgeführt, um zu überprüfen, ob ein Pferd ausreichend versorgt ist.
Doch wie aussagekräftig sind solche Untersuchungen tatsächlich?
Blutanalysen haben ihre Berechtigung – aber nicht für jede Fragestellung

Blutanalysen sind ein wichtiges Instrument der Tiermedizin und können wertvolle Hinweise auf Erkrankungen oder akute Stoffwechselstörungen liefern. Geht es jedoch um die langfristige Versorgung eines Pferdes mit Mineralstoffen und Spurenelementen, sind ihre Möglichkeiten begrenzt.
Ein Blutbild ist letztlich nichts anderes als eine Momentaufnahme – vergleichbar mit einem Foto. Es zeigt den Zustand genau in dem Augenblick, in dem die Blutprobe entnommen wurde. Bereits kurze Zeit später kann das Bild wieder anders aussehen.
Hinzu kommt, dass das Blut in erster Linie ein Transportmedium ist. Viele Mineralstoffe und Spurenelemente werden vom Organismus streng reguliert, damit lebenswichtige Körperfunktionen jederzeit aufrechterhalten werden können.
Normale Blutwerte bedeuten nicht automatisch eine gute Versorgung
Ein Blutwert im Referenzbereich bedeutet nicht zwangsläufig, dass der Körper ausreichend versorgt ist.
Ein gutes Beispiel ist Kalzium. Der Organismus hält den Kalziumspiegel im Blut innerhalb enger Grenzen konstant, weil Kalzium für die Funktion von Muskeln, Nerven und Herz unverzichtbar ist. Reicht die tägliche Aufnahme nicht aus, kann der Körper auf seine Reserven zurückgreifen und Kalzium aus der Knochensubstanz mobilisieren. Der Blutwert bleibt dabei häufig unauffällig, obwohl die Speicher bereits belastet werden.
Auch bei Spurenelementen wie Zink sind Blutuntersuchungen nur eingeschränkt aussagekräftig. Zink befindet sich überwiegend in Geweben und Zellen, während nur ein kleiner Teil im Blut transportiert wird. Der gemessene Blutwert spiegelt daher nicht zwangsläufig den tatsächlichen Versorgungsstatus des gesamten Organismus wider.
„Im Heu ist sowieso nichts mehr drin“ – ein weit verbreiteter Irrtum
Ebenso häufig hält sich die Meinung, dass heutiges Heu kaum noch Mineralstoffe enthalte und deshalb grundsätzlich ein voll mineralisiertes Futter notwendig sei.
Diese Annahme entspricht in den meisten Fällen nicht der Realität.
Tatsächlich zeigt sich bei Heuanalysen häufig, dass die Versorgung mit vielen Mineralstoffen bereits gut ist. Oft weichen nur einzelne Werte – beispielsweise Kupfer, Zink oder Selen – von den Bedarfswerten ab.
Das bedeutet: Nicht alles muss ergänzt werden, sondern nur das, was tatsächlich fehlt.
Warum eine pauschale Supplementierung problematisch sein kann
In der Praxis werden häufig mehrere Futtermittel miteinander kombiniert:
- ein Standardmineralfutter,
- zusätzlich ein hochdosiertes Spurenelementpräparat,
- vielleicht noch ein vitaminisiertes oder mineralisiertes Müsli,
- und eventuell weitere Ergänzungsfuttermittel.
Dabei wird oft nicht berücksichtigt, welche Mengen an Mineralstoffen und Spurenelementen das Pferd bereits über das Grundfutter erhält.
Eine solche Supplementierung auf Verdacht kann langfristig zu erheblichen Überversorgungen führen. Besonders bei Spurenelementen wie Selen oder Kupfer sollte nicht nach dem Prinzip „viel hilft viel“ ergänzt werden. Bereits geringe Überdosierungen über längere Zeiträume können zu einer unnötigen Belastung des Organismus führen.
Die Heuanalyse liefert die entscheidenden Informationen

Das wichtigste Futtermittel eines Pferdes ist und bleibt das Heu.
Bei artgerechter Haltung nimmt ein Großpferd täglich oft 10 bis 20 Kilogramm Heu auf. Über das Jahr gerechnet gelangen damit mehrere Tonnen Grundfutter in den Organismus. Genau deshalb sollte die Versorgung mit Mineralstoffen und Spurenelementen in erster Linie dort überprüft werden.
Eine fachgerecht durchgeführte Heuanalyse liefert Durchschnittswerte, mit denen sich die tägliche Ration realistisch beurteilen lässt.
Der sinnvolle Weg sieht daher so aus:
Grundfutter → Heuanalyse → Rationsberechnung → gezielte Ergänzung
und nicht:
Blutanalyse → Standardmineralfutter → zusätzliches Spurenelement → noch ein weiteres Ergänzungsfuttermittel
Die Natur arbeitet nicht mit Tagesgenauigkeit
In der freien Natur erhält ein Pferd nicht jeden Tag exakt dieselbe Menge an Mineralstoffen und Spurenelementen. Die Nährstoffgehalte der Pflanzen schwanken abhängig von Jahreszeit, Witterung, Bodenverhältnissen und Vegetation.
Der Organismus des Pferdes ist darauf seit Jahrtausenden eingestellt. Überschüsse bestimmter Nährstoffe können gespeichert und in Zeiten geringerer Aufnahme wieder genutzt werden.
Eine gewisse natürliche Schwankung ist daher völlig normal und kein Grund zur Sorge.
Gezielt ergänzen statt pauschal versorgen
Ergibt eine Heuanalyse tatsächlich Defizite, müssen nicht zwangsläufig komplexe Mineralfutter eingesetzt werden.
Oft reicht die gezielte Ergänzung einzelner Nährstoffe aus, die im Grundfutter nicht ausreichend vorhanden sind.
Aus diesem Gedanken heraus wurden die SOLO-Produkte entwickelt. Sie ermöglichen eine bedarfsgerechte Ergänzung einzelner oder mehrerer Spurenelemente, anstatt pauschal Stoffe zu füttern, die möglicherweise bereits in ausreichender Menge vorhanden sind.
Die häufigsten Fehler bei der Mineralstoffversorgung
Häufige Fehler:
❌ Blutbild als alleinige Entscheidungsgrundlage
❌ Mehrere mineralisierte Futtermittel gleichzeitig füttern
❌ Hochdosierte Spurenelemente ohne Kenntnis der Heuwerte ergänzen
❌ Davon ausgehen, dass im Heu grundsätzlich keine Mineralstoffe und Spurenelemente mehr enthalten sind
Der sinnvollere Weg:
✔ Heuanalyse durchführen
✔ Grundration bewerten
✔ Nur tatsächlich fehlende Nährstoffe ergänzen
Fazit
Blutanalysen können in der Tiermedizin wertvolle Dienste leisten. Für die Beurteilung der langfristigen Mineralstoffversorgung eines Pferdes liefert jedoch das Grundfutter die entscheidenden Informationen.
Wer wissen möchte, welche Nährstoffe sein Pferd tatsächlich aufnimmt, sollte dort ansetzen, wo die Versorgung beginnt: beim Heu.
Nur so lässt sich eine bedarfsgerechte Fütterung umsetzen, die sowohl Mangelerscheinungen als auch unnötige Überversorgungen vermeidet.
Wie eine Heuanalyse richtig durchgeführt wird, welche Proben entnommen werden müssen und welche Labore geeignet sind, erfahren Sie im separaten Artikel zur Heuanalyse.
