Wenn „alles drin“ zum Problem wird: Zusatzstoffe im Pferdefutter
Erstveröffentlichung: 2013
Überarbeitet und aktualisiert: Juni 2026
Wer sich heute im Futtermittelhandel umsieht, findet eine nahezu unüberschaubare Auswahl an Müslis, Pellets, Mineralfuttern und Ergänzungsfuttermitteln. Viele Produkte werben damit, das Pferd mit allen wichtigen Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen zu versorgen.
Für Pferdehalter klingt das zunächst beruhigend. Schließlich möchte jeder sein Pferd bestmöglich versorgen und Nährstoffmängel vermeiden.
Doch die entscheidende Frage lautet nicht, wie viele Nährstoffe ein Futtermittel enthält, sondern ob das einzelne Pferd diese Nährstoffe tatsächlich benötigt.
Eine bedarfsgerechte Fütterung orientiert sich nicht an Werbeversprechen, sondern am Grundfutter, am individuellen Bedarf des Pferdes und an den tatsächlich vorhandenen Versorgungslücken.
Mehr ist nicht automatisch besser
Wenn von Nährstoffmängeln die Rede ist, wird häufig vergessen, dass auch eine Überversorgung problematisch sein kann. Dies betrifft nicht nur Energie und Protein, sondern auch Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente.
Viele Pferde erhalten heute Heu, Kraftfutter, Mineralfutter und verschiedene Ergänzungsfuttermittel gleichzeitig. Dabei werden die enthaltenen Nährstoffe oft mehrfach aufgenommen, ohne dass die tatsächliche Versorgung bekannt ist.

Das Ziel einer bedarfsgerechten Fütterung sollte weder eine Unterversorgung noch eine möglichst hohe Aufnahme einzelner Nährstoffe sein. Entscheidend ist vielmehr, dass das Pferd genau die Nährstoffe erhält, die es tatsächlich benötigt – nicht mehr und nicht weniger.
Welche Rolle spielen Vitamine?
Pferde können viele Vitamine selbst bilden oder mithilfe ihrer Darmflora synthetisieren. Deshalb ist eine zusätzliche Vitaminversorgung nicht automatisch notwendig.
In bestimmten Situationen kann eine Ergänzung jedoch sinnvoll sein, beispielsweise bei Pferden mit Verdauungsstörungen, während Rekonvaleszenzphasen, bei älteren Pferden oder bei besonderen Leistungsanforderungen. Auch Vitamin E nimmt eine Sonderstellung ein, da die Versorgung insbesondere bei reiner Heufütterung nicht immer optimal ist.
Pauschale Aussagen nach dem Motto „viel hilft viel“ werden dem individuellen Bedarf eines Pferdes daher nicht gerecht.
Der wichtigste Nährstofflieferant ist das Grundfutter
Die Grundlage jeder Pferdefütterung ist hochwertiges Raufutter. Heu liefert nicht nur Energie und Protein, sondern auch einen großen Teil der Mineralstoffe, Spurenelemente und sekundären Pflanzenstoffe.
Wie gut ein Pferd tatsächlich versorgt wird, hängt jedoch stark von der Qualität und Zusammensetzung des Grundfutters ab. Heu kann je nach Standort, Bodenbeschaffenheit, Pflanzenbestand, Düngung und Erntezeitpunkt erhebliche Unterschiede aufweisen.
Deshalb lässt sich der Nährstoffbedarf eines Pferdes nicht allein anhand allgemeiner Empfehlungen beurteilen. Eine Heuanalyse liefert deutlich aussagekräftigere Informationen als Vermutungen oder Durchschnittswerte.
Eine bedarfsgerechte Ergänzung beginnt daher immer beim Grundfutter.
Natürliche Nährstoffquellen und Vielfalt
Das Verdauungssystem des Pferdes ist auf die Verwertung von Gräsern, Kräutern, Blättern, Wurzeln und Samen spezialisiert. Neben den klassischen Nährstoffen liefern diese Pflanzen auch zahlreiche sekundäre Pflanzenstoffe, die in natürlichen Futtermitteln von Natur aus enthalten sind.
Moderne Grünlandbestände unterscheiden sich jedoch häufig deutlich von den artenreichen Wiesen, die das ursprüngliche Nahrungsspektrum des Pferdes geprägt haben. Dadurch kann die Vielfalt an natürlichen Nährstoffquellen eingeschränkt sein.
Umso wichtiger ist es, die Qualität des Grundfutters regelmäßig zu überprüfen und die Fütterung individuell an die tatsächlichen Gegebenheiten anzupassen.
Was ist von vitaminisierten Müslis zu halten?
Viele Müslis enthalten zugesetzte Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente, um eine möglichst umfassende Versorgung sicherzustellen.
Das Problem besteht jedoch darin, dass die enthaltenen Nährstoffmengen an die vom Hersteller empfohlene Fütterungsmenge gekoppelt sind. In der Praxis werden diese Futtermittel häufig deutlich niedriger dosiert als vorgesehen. Das betrifft insbesondere leichtfuttrige Pferde, Freizeitpferde oder Pferde, die nur kleine Mengen Kraftfutter erhalten.
Dadurch entsteht oft die paradoxe Situation, dass Pferdebesitzer davon ausgehen, ihr Pferd sei durch das Müsli bereits vollständig mit Vitaminen und Mineralstoffen versorgt, obwohl die tatsächlich gefütterte Menge dafür gar nicht ausreicht.
Umgekehrt weisen viele Hersteller darauf hin, dass bei Einhaltung der empfohlenen Fütterungsmenge kein zusätzliches Mineralfutter erforderlich ist. Dieser Hinweis wird jedoch häufig übersehen oder bewusst ignoriert. Werden dennoch weitere Mineralfutter oder Ergänzungsfuttermittel eingesetzt, können sich einzelne Nährstoffe unkontrolliert summieren.
Eine bedarfsgerechte Versorgung wird dadurch unnötig erschwert. Sinnvoller ist es, die Energieversorgung und die Versorgung mit Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen getrennt voneinander zu betrachten. So kann die Ration gezielt an den tatsächlichen Bedarf des einzelnen Pferdes angepasst werden.
Fazit
Zusatzstoffe im Pferdefutter sind nicht grundsätzlich problematisch. Sie können sinnvoll sein, wenn ein tatsächlicher Bedarf besteht oder Versorgungslücken gezielt ausgeglichen werden sollen.
Problematisch wird es dann, wenn Nährstoffe pauschal und ohne Kenntnis der tatsächlichen Versorgung ergänzt werden.
Eine bedarfsgerechte Fütterung beginnt deshalb nicht beim Mineralfutter, sondern beim Grundfutter. Wer wissen möchte, welche Nährstoffe seinem Pferd tatsächlich fehlen, sollte zunächst die Heuqualität und den individuellen Bedarf beurteilen.
Denn nicht die Menge der zugesetzten Nährstoffe entscheidet über eine gute Versorgung, sondern ihre gezielte und bedarfsgerechte Ergänzung.
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