Fütterungsempfehlung oder unverbindliche Portionsidee?

Fütterungsempfehlung oder unverbindliche Portionsidee?

Eine Handvoll morgens, eine Handvoll abends – das wird schon passen.

Kommt Ihnen bekannt vor?

Während wir uns beim Backen ziemlich selbstverständlich an Mengenangaben halten und selbst beim Waschmittel zumindest gelegentlich einen Blick auf die Dosierung werfen, entwickelt die Fütterungsempfehlung auf einem Futtersack im Pferdestall mitunter ein erstaunliches Eigenleben.

Aus 500 Gramm werden 200 Gramm. Aus 100 Gramm werden 30 Gramm. Aus „50 ml täglich“ wird ein beherzter Schuss aus der Flasche.

Und die gute alte Handvoll ist ohnehin eine der beliebtesten Maßeinheiten in der Pferdefütterung.

Praktisch, schnell zur Hand und erstaunlich flexibel. Je nach Handgröße, Tagesform und Großzügigkeit des Menschen kann sie schließlich alles zwischen „ein bisschen“ und „ordentlich was“ bedeuten.

Nur eine zuverlässige Maßeinheit ist sie leider nicht.

Fütterungsempfehlung. Nicht Serviervorschlag.

Zugegeben: Der Begriff „Fütterungsempfehlung“ klingt ein wenig unverbindlich.

Empfehlung? Kann man machen. Muss man aber offenbar nicht.

Doch die Mengenangabe auf der Verpackung ist normalerweise keine dekorative Idee des Herstellers, wie man das Produkt theoretisch auch verfüttern könnte.

Bei der Entwicklung eines Futtermittels werden Zusammensetzung, Nährstoffgehalte und Einsatzzweck aufeinander abgestimmt. Und dazu gehört auch die Menge, in der das Produkt verfüttert werden soll.

Das bedeutet nicht, dass jedes Pferd auf das Gramm genau dieselbe Menge benötigt. Natürlich spielen Körpergewicht, Haltung, Arbeitsleistung, Grundfutter und der individuelle Bedarf eine Rolle.

Aber es macht einen erheblichen Unterschied, ob eine Fütterungsmenge bewusst angepasst wird – oder ob aus 500 Gramm einfach eine Handvoll wird, weil das irgendwie ausreichend aussieht.

„Aber mein Pferd braucht doch keine 500 Gramm!“

Vielleicht nicht.

Eine Fütterungsempfehlung ist schließlich kein Naturgesetz.

Wer weiß, warum er die Menge reduziert, kann dafür durchaus einen guten Grund haben. Vielleicht benötigt das Pferd weniger zusätzliche Energie. Vielleicht bekommt es weitere Futtermittel. Vielleicht soll mit dem Produkt nur ein Teil der Ration ergänzt werden.

Das ist etwas völlig anderes als:

„500 Gramm? So viel? Nein, ich gebe lieber 150. Das wird schon reichen.“

Denn dann sollte man sich darüber im Klaren sein, dass man eben nicht nur die Futtermenge reduziert.

Man reduziert gleichzeitig das, was über dieses Futter in den Trog gelangen soll.

Und genau an dieser Stelle müssen wir zwischen verschiedenen Futtermitteln unterscheiden.

Krippenfutter: Weniger Futter bedeutet auch weniger Nährstoffe

Bei einem Krippenfutter ist die Sache vergleichsweise einfach.

Es liefert – je nach Zusammensetzung – Energie, Protein, Aminosäuren, Fettsäuren, Faser und zahlreiche weitere natürlich enthaltene Nährstoffe.

Wird davon deutlich weniger gefüttert, liefert es entsprechend weniger davon.

Ein einfaches Beispiel:

Die Fütterungsempfehlung sieht für ein bestimmtes Pferd 1 kg täglich vor. Gefüttert werden aber lediglich 250 g.

Dann bekommt das Pferd aus diesem Futtermittel eben nicht nur „eine kleinere Portion“, sondern auch nur ungefähr ein Viertel der darin enthaltenen Nährstoffmenge.

Das kann vollkommen in Ordnung sein – wenn genau das beabsichtigt ist.

Wer allerdings ein Krippenfutter beispielsweise gezielt zur zusätzlichen Versorgung mit Energie und hochwertigem Protein gekauft hat und anschließend nur einen Bruchteil der empfohlenen Menge verfüttert, sollte sich nicht wundern, wenn der gewünschte Beitrag zur Ration ebenfalls entsprechend kleiner ausfällt.

Oder etwas salopp formuliert:

Das Futter weiß leider nicht, dass die 250 Gramm im Trog eigentlich die Arbeit von 1.000 Gramm erledigen sollen.

Spurenelemente: Hier hört das Schätzen endgültig auf

Bei Produkten zur gezielten Versorgung mit Spurenelementen sieht die Sache noch einmal anders aus.

Zink, Kupfer, Selen, Mangan und Co. werden nicht nach Augenmaß gefüttert.

Hier geht es um konkrete Mengen eines bestimmten Nährstoffes.

Enthält ein Produkt beispielsweise 10.000 mg Zink pro Kilogramm, dann liefern 20 g davon 200 mg Zink. Bei 10 g sind es 100 mg.

Der Messbecher kann darüber nicht verhandeln.

Gerade bei gezielten Spurenelementprodukten sollte deshalb die vorgesehene Dosierung eingehalten beziehungsweise an den tatsächlichen Bedarf angepasst werden. Einfach vorsichtshalber weniger zu geben, kann dazu führen, dass eine bestehende Versorgungslücke nicht ausreichend geschlossen wird.

Umgekehrt gilt aber genauso:

„Ein bisschen mehr kann ja nicht schaden“ ist bei Spurenelementen eine ausgesprochen schlechte Idee.

Mehr ist nicht automatisch besser. Bei einigen Spurenelementen kann eine unnötig hohe Zufuhr sogar problematisch werden.

Hier darf aus der Fütterungsempfehlung deshalb weder eine Sparidee noch eine Großzügigkeitsübung werden.

Kräutermischungen: Eine Prise hiervon, ein Löffel davon?

Bei Kräutern hält sich besonders hartnäckig die Vorstellung:

Natürlich = kann man irgendwie dosieren.

Das ist ein Irrtum.

Kräuter sind nicht einfach aromatisches Grünzeug für den Futternapf. Sie enthalten unter anderem Bitterstoffe, Gerbstoffe, Schleimstoffe, ätherische Öle, Flavonoide und zahlreiche weitere sekundäre Pflanzenstoffe.

Und genau deshalb werden Kräuter seit Jahrhunderten gezielt eingesetzt.

Wer eine Kräutermischung beispielsweise zur Unterstützung der Atemwege, des Magen-Darm-Traktes oder des Stoffwechsels kauft, möchte schließlich gerade diese Eigenschaften nutzen.

Dann ergibt es wenig Sinn, von einer sorgfältig zusammengestellten Mischung nach Gefühl ein bisschen über das Futter zu streuen.

Bei Kräutermischungen gehören Zusammensetzung, Dosierung und Anwendungsdauer zusammen.

Je nach enthaltenen Kräutern kann eine Mischung für eine kurweise Fütterung gedacht sein, während andere Mischungen länger eingesetzt werden können. Manche Kräuter sollten zudem nicht beliebig hoch dosiert oder über unbegrenzte Zeiträume gefüttert werden.

Deshalb gilt hier ganz besonders:

Bitte die Fütterungsempfehlung des jeweiligen Produktes beachten – sowohl bei der Menge als auch bei der empfohlenen Fütterungsdauer.

„Natürlich“ bedeutet schließlich nicht „wirkungslos“. Ganz im Gegenteil.

Öle: Der berühmte „Schuss“ aus der Flasche

Auch Öl wird im Pferdestall ausgesprochen kreativ dosiert.

Ein Schuss Leinöl hier, ein kleiner Schwapp Hanföl dort.

Das Problem: Ein „Schuss“ besitzt ähnlich wie die Handvoll keine international anerkannte Maßeinheit.

50 ml Öl sind etwas anderes als 150 ml Öl.

Wer Öl beispielsweise als zusätzlichen Energielieferanten einsetzt, sollte bedenken, dass Öl eine sehr hohe Energiedichte besitzt. Eine deutlich kleinere Menge liefert entsprechend weniger Energie; eine deutlich größere Menge entsprechend mehr.

Gleichzeitig sollte die Fettzufuhr insbesondere bei höheren Mengen sinnvoll gestaltet und an das Pferd angepasst werden.

Für kleinere Tagesmengen braucht niemand eine Laborausrüstung neben dem Futtertrog. Ein einfacher Messbecher genügt vollkommen.

Aber der Unterschied zwischen 50 ml und „ich kippe halt ein bisschen was drüber“ kann überraschend groß sein.

Und was ist mit Leckerlis?

Hier dürfen wir tatsächlich entspannter werden.

Steht auf der Verpackung „bis zu 100 g täglich“, bedeutet das selbstverständlich nicht, dass das Pferd jeden Tag seine 100 g Leckerlis vollständig ausschöpfen muss.

Schließlich verfolgen wir mit einem Leckerli normalerweise kein konkretes ernährungsphysiologisches Versorgungsziel.

Hier ist die Mengenangabe vor allem als Obergrenze zu verstehen.

Niemand muss seinem Pferd also abends noch hektisch sieben Leckerlis geben, weil laut Verpackung für heute noch 42 Gramm offen wären.

Versprochen.

„Täglich“ ist übrigens auch eine Fütterungsempfehlung

Neben der richtigen Menge gibt es noch eine zweite Angabe, die im Stall gelegentlich erstaunlich großzügig ausgelegt wird: die Fütterungshäufigkeit.

Steht in der Fütterungsempfehlung beispielsweise „täglich“, ist damit üblicherweise tatsächlich jeden Tag gemeint – und nicht „immer dann, wenn Frauli gerade im Stall ist“.

Montag eine Portion, Mittwoch vielleicht, am Wochenende dafür etwas mehr: Bei vielen Futtermitteln ist das keine besonders sinnvolle Strategie.

Gerade wenn ein Produkt gezielt zur Nährstoffversorgung eingesetzt wird, sollte die vorgesehene Tagesmenge auch regelmäßig gefüttert werden. Wer beispielsweise ein Spurenelement täglich ergänzen möchte, erreicht mit zwei oder drei Portionen pro Woche nun einmal nicht dieselbe durchschnittliche Zufuhr.

Auch bei Kräutermischungen gehört die empfohlene Fütterungsdauer zum Anwendungskonzept. Eine dreiwöchige Kräuterkur besteht deshalb idealerweise aus drei Wochen regelmäßiger Fütterung – und nicht aus sieben Portionen, die sich zufällig über drei Wochen verteilen.

Natürlich gibt es Futtermittel, bei denen eine gelegentliche Gabe völlig in Ordnung ist. Leckerlis wären wieder das naheliegendste Beispiel.

Aber wenn auf einem Produkt „täglich“ steht, darf man davon ausgehen, dass sich der Hersteller auch bei diesem kleinen Wörtchen etwas gedacht hat.

Kurz gesagt: Nicht nur die Grammzahl gehört zur Fütterungsempfehlung. Auch das „täglich“ steht da nicht zur Dekoration.

Fütterungsempfehlungen dürfen Spielraum haben

Natürlich gibt es einen Grund, warum es Fütterungsempfehlung und nicht Fütterungsvorschrift heißt.

Pferde sind Individuen.

Ein 350-kg-Pony hat andere Anforderungen als ein 650-kg-Warmblut. Ein Pferd in Arbeit hat einen anderen Energiebedarf als ein leichtfuttriges Freizeitpferd. Auch Heuqualität, Weidegang, Alter, Haltung und die übrige Fütterung spielen eine Rolle.

Deshalb finden sich auf vielen Futtermitteln Mengenbereiche wie beispielsweise „100–200 g pro 100 kg Körpergewicht“.

Dieser Spielraum ist gewollt.

Was allerdings nicht dasselbe bedeutet wie:

„Auf der Packung stehen 800 Gramm. Ich nehme 150. Passt schon.“

„Das füttere ich seit Monaten – aber ich merke keinen Unterschied.“

Dieser Satz fällt in der Futterberatung gar nicht so selten.

Natürlich kann es viele Gründe geben, warum ein Futtermittel nicht das gewünschte Ergebnis bringt. Nicht jedes Produkt passt zu jedem Pferd und nicht jedes Problem lässt sich über die Fütterung lösen.

Eine Frage lohnt sich trotzdem:

Wie viel davon bekommt das Pferd eigentlich?

Denn bevor das Produkt auf der Anklagebank landet, sollte zumindest geklärt werden, ob es überhaupt in einer Menge verfüttert wurde, bei der man den vorgesehenen Nutzen erwarten konnte.

Ein 3-kg-Eimer, der laut Fütterungsempfehlung für 30 Tage gedacht ist, nach drei Monaten aber immer noch halb voll im Futterraum steht, liefert zumindest einen gewissen Hinweis.

Bitte einmal wiegen – danach darf die Waage wieder weg

Niemand muss jeden Abend mit der Feinwaage in den Stall marschieren.

Gerade bei regelmäßig gefütterten Produkten gibt es eine ausgesprochen einfache Lösung:

Die benötigte Tagesmenge einmal abwiegen.

Dann wissen Sie beispielsweise, wie voll der Messbecher sein muss, welcher Becher die richtige Menge fasst oder wie Ihre persönliche „Handvoll“ im Verhältnis zur tatsächlichen Fütterungsempfehlung aussieht.

Danach darf die Küchenwaage wieder nach Hause.

Bei Produkten, bei denen es auf eine besonders genaue Dosierung ankommt – beispielsweise bei konzentrierten Spurenelementen –, sollte natürlich entsprechend genauer gemessen werden.

Und wenn Sie es ganz genau wissen möchten?

Wer die gesamte Futterration seines Pferdes exakt beurteilen und einzelne Nährstoffe gezielt ergänzen möchte, für den kann eine Analyse des Grundfutters in Verbindung mit einer darauf abgestimmten Rationsberechnung sehr wertvoll sein.

Aber darum geht es hier gar nicht.

Sie brauchen keine Heuanalyse, um eine Fütterungsempfehlung lesen zu können.

Und Sie müssen auch keine Ausbildung in Pferdeernährung absolvieren, bevor Sie einen Futtersack öffnen dürfen.

Die wichtigste Regel ist viel einfacher:

Schauen Sie sich an, was der Hersteller für dieses Produkt empfiehlt – und betrachten Sie diese Angabe nicht nur als freundlichen Serviervorschlag.

Wenn Sie bewusst davon abweichen, sollte es dafür einen Grund geben.

Die Moral von der Handvoll

Fütterungsempfehlungen sind nicht unfehlbar und sie können niemals jedes Pferd und jede individuelle Ration vollständig berücksichtigen.

Aber normalerweise hat sich jemand etwas dabei gedacht.

Bei Krippenfutter entscheidet die Menge darüber, welchen Beitrag das Futter zur Versorgung mit Energie und Nährstoffen leisten kann.

Bei Spurenelementen geht es um konkrete Nährstoffmengen – hier haben weder Sparsamkeit noch das Motto „viel hilft viel“ etwas verloren.

Bei Kräutermischungen sind Dosierung und Anwendungsdauer Teil des Fütterungskonzeptes.

Bei Ölen macht es einen Unterschied, ob 30, 100 oder 300 ml im Trog landen.

Und mindestens genauso wichtig: Wenn ein Produkt für die tägliche Fütterung vorgesehen ist, sollte es auch täglich im Trog landen.

Und bei Leckerlis?

Da dürfen Sie tatsächlich einfach mal fünf gerade sein lassen.

Eine Fütterungsempfehlung muss nicht auf das Gramm genau in Stein gemeißelt sein. Aber sie ist auch keine unverbindliche Portionsidee.

Und die gute alte Handvoll?

Die darf gerne weiterhin mit in den Stall.

Vielleicht wiegen wir sie vorher nur einmal. 😉

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